WaSt - Walter Sturm - Lebensstationen





1935Walter Sturm wird am 9. Februar in Freiburg/Breisgau geboren. Zusammen mit den Eltern und einer Schwester verlebt er seine Kindheit in einfachsten Verhältnissen.
1944Nach dem schweren Luftangriff auf Freiburg wird die Familie evakuiert nach Fischingen bei Sulz am Neckar. Rückkehr 1945 zu Fuß nach Freiburg.
1952Mittlere Reife, Ausbildung zum Großhandelskaufmann
1954 bis 1963Beschäftigung in Großhandels- und Baubetrieben im Bereich Buchhaltung
19571. Verheiratung
1962Fortbildung zum Steuerbevollmächtigten
1963Macht sich selbständig mit einem eigenen Steuerberatungsbüro
1973Übergangsprüfung und Zulassung als Steuerberater. Das Steuerberatungsbüro erweitert sich wesentlich
1976Erstes Schlüsselerlebnis: William Turner und die Landschaft seiner Zeit in der Hamburger Kunsthalle. Von da an Besuch vieler Museen und Ausstellungen von Seebüll (Nolde) bis Locarno (Jawlenski), Den Hag, Amsterdam, Haarlem, Otterlo bis Wien, München, Paris, Basel, Zürich, Winterthur, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Mannheim und viele mehr, verbunden mit intensivem Studium der Künstler. Sammelt Bilder auf Leinwand und Papier von Walter Wohlschlegel, Freiburg, der nachhaltigen Eindruck ausübt, bis zu dessen Tod. Allergrößte aller Lieben: Paula Modersohn-Becker.
1976Trennung von seiner Frau. Führt neben seiner Berufstätigkeit zunächst mit zwei Söhnen, dann mit einem Sohn sieben Jahre alleine den Haushalt. Lernt seine zweite Ehefrau kennen
1985Scheidung der ersten Ehe
19872. Verheiratung
1997Dilettiert bis 1998 in einer kleinen Aquarelliergruppe
1998 bis 1999Besuch eines Abend-Malkurses bei Paul Pollock (Assenza-Schüler) in Freiburg
2000Ab 01.01.2000 allmähliche Aufgabe des Berufs und Aufnahme eines Malstudiums bei Paul Pollock in Freiburg
2004Arbeitet ab 01.01.2004 mit 2 Kolleginnen und 2 Kollegen im Atelier im Hof, Am Mettweg 43 a, 79111 Freiburg-St. Georgen
11.09. - 19.09. Ausstellung Bilder ohne Worte im Atelier im Hof in Freiburg
30.10. - 17.11. Ausstellung der Märchenillustration "Das gemalte Zimmer" und Bilder ohne Worte im Atelier im Hof in Freiburg
2005Ausstellung "Four Ways" vom 04.-13.02. gemeinsam mit Rosemarie Dyckerhoff, Paul Pollock und Walter Wohlschlegel (1907-1999) im MORAT-INSTITUT FÜR KUNST- UND KUNSTWISSENSCHAFT, Lörracherstr. 31, 79115 Freiburg
2005/2006Verschiedene Ausstellungen im Raum Freiburg
2006Teilnahme an der internationalen Kunstausstellung ART MONDIAL 2006 in Breisach/Rh.:
1. Preis für das Triptychon WVZ L05051 (siehe Bilder Leinwand 2005): Ausgestellt hatten 60 Kunstmaler aus 9 Ländern mit über 250 Bildern.
2006Ausstellung in der Galerie KunstWerk, Neutorplatz 3 in Breisach am Rhein.
2018Am 20. März ist Walter Sturm im Kreise seiner Liebsten gestorben.

Einflüsse Paul Pollock - Walter Sturms Lehrer
Ausführungen Paul Pollocks in einem Gespräch mit Tom Raines, veröffentlicht 1995 in der Zeitschrift NOVALIS, Zeitschrift für spirituelles Denken, und in dem Privatdruck "Die Offenbarung von Geheimnissen":
 
"... 1980 kam ich nach Deutschland und eröffnete eine Malschule, die auf einem Impuls Assenzas gründete, er hatte mich darum gebeten. Obgleich ich den Wunsch, eine Schule zu gründen, selbst verspürte, hatte ich das Gefühl, daß mir Assenza eine konkrete Aufgabe stellte. 1983 zog ich mit der Schule nach Freiburg und arbeitete mit anderen zusammen u. a. auf kunsttherapeutischem Gebiet
 
Es gibt zwei Elemente, die meinem Zugang zur Malerei zugrunde liegen. Das erste ist die Aussage, daß Farbe ein Kräftefeld ist. Das zweite ist die Fähigkeit, mit diesem Kräftefeld zu arbeiten. Es genügt heute nicht mehr, nur dieses Wissen zu haben und ein nettes Bild zu malen, in dem angeblich die Gesetze der Farben und Harmonie angewandt sind. Das ist vielleicht hygienisch und wichtig, reicht aber nicht aus.... Wenn Du nach Georgien gehst und hier mit Menschen, die im Abseits stehen, z. B. im Gefängnis, oder mit Drogensüchtigen arbeitest, dann sind diese Menschen nicht besonders daran interessiert, ob Farbe hygienisch ist. Sie interessieren sich mehr für die Frage der damit zusammenhängenden Existenz. Wir werden uns der Farbkräfte heute mehr bewußt, wissen aber nicht so recht, wie wir zu ihnen stehen, was sich in diesen Kräften kreativ auslebt... Für mich selbst erkenne ich, daß die Frage der Farben auch eine ideelle ist, denn Farbe ist kein Material, sie ist ein Kraftfeld. Sie muß konzeptualisiert werden, dann stellt sich die Frage der Beziehung dieser konzeptualisierten Farbe zum Material - und das ist das Malen. Die Substanz des Malens ist in einem gewissen Sinn nicht materiell, sie manifestiert sich im Material
 
Das Konzept der Freiheit wird in der pädagogischen Situation zur offensichtlichen Frage. In der heutigen Zeit müssen die Menschen sich diese Frage bewußt machen. Wenn sie mit dieser Frage unbewußt leben, dann wird die Freiheit so interpretiert, daß man tun kann, was man will, es sind keine Grenzen gesetzt und keine Anleitungen gegeben
 
Ich war beim Malen immer sehr produktiv und in den Anfangsjahren meiner Lehrertätigkeit machte ich kleine Schritte; damals war Assenza noch mein Berater, korrigierte Bilder, die ich zu ihm brachte. Auf der anderen Seite waren da die Schüler, die mit mir diesen unbeholfenen Anfang meiner pädagogischen Tätigkeit mitbegonnen hatten. Sie zeigten mir durch ihre eigene Entwicklung, wie ich meine Impulse weiterentwickeln konnte... Die Schüler arbeiteten und kamen zu anderen Ergebnissen; ich wußte nicht, wie ich diese Ergebnisse beurteilen sollte. Mit der Zeit stellte ich bezüglich meiner eigenen Malerei fest, wie etwas passierte, neue Dinge entstanden, als Ergebnis eines strengen Prozesses, stilistischer Momente, in denen ich nicht mehr von jemand anderem geschützt war, z.B. von Assenza. Und meine Schüler durchliefen denselben Prozess, fühlten sich individueller und selbständiger. Bei Assenza hatten wir gelernt, uns in einer bestimmten Sphäre richtig zu verhalten. Als wir, seine Schüler, ihn verließen, durchliefen wir allmählich einen Prozeß des 'schlechten Benimms' auf der Suche nach unserer eigenen Signatur. Und dann nahmen meine eigenen Schüler am Vorgang teil, wir einigten uns auf Übungen, probierten sie genau aus, und landeten bei völlig neuen Bildergebnissen. Ich war sozusagen der Lehrer in diesem fremden Land, sie die Schüler in diesem fremden Land der Formen und Prozesse, und es stellte sich die Frage, wer den ersten Schritt unternimmt, die Verantwortung zu tragen hat und letztendlich habe ich ihn gemacht. Diese Last der Verantwortung änderte sich nach vier bis fünf Jahren intensiven Unterrichts in etwas Freieres, als meine Schüler sich von mir zu lösen und ordentliche, durchgestaltete Abschlüsse zu machen begannen
 
Die Inspirationsquelle eines Kunstwerkes in der geistigen Welt liegt außerhalb der Welt der Begriffe. Das hängt mit dem, was ich vorhin von Goethe zitiert habe, zusammen, daß Kunstwerke die Offenbarung von Geheimnissen sind. Dieser Zustand des offenbarten Geheimnisses reicht über die Welt der Begriffe hinaus, in diesem Fall über objektiv und subjektiv. Objektiv und subjektiv sind zwei individualitätsbezogene Zustände und in ihnen wirken Kräfte aus dem Universum und dem Individuum. Diese Kräfte kulminieren im Menschen als kreativer Zustand; sie sind nicht objektiv oder subjektiv, sondern kreativ
 
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
OSTERN III   OSTERN I   DEPTHS
Tempera auf Leinwand 45 x 34   Tempera auf Leinwand 80 x 120   Tempera auf Leinwand 150 x 130
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
OSTERN II   BALANCE   AUFERSTEHUNG
Tempera auf Leinwand 45 x 34   Tempera auf Leinwand 45 x 34   Tempera auf Leinwand 40 x 60
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
Paul Pollock   Paul Pollock   Paul Pollock
  ODYSSEE   IN BETWEEN
  Tempera auf Leinwand 90 x 70   Tempera auf Leinwand 45 x 34

Paul Pollock - Lebensstationen

1949 geboren in Narooma, N.S.W., Australien
1968 Studium an der Universität Sydney (Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie)
1972 Studienreise nach Europa
1973 - 1978 Malausbildung bei Beppe Assenza (Malschule am Goetheanum in Dornach, Schweiz)
1978 - 1980 Kunstlehrer an der Rudolf Steiner Schule, Basel, Assistent von Assenza
seit 1980 Gründung und Leitung der Malschule Freiburg
1980 - 1987 Maltherapeut am Künstlerischen Therapeutikum, Freiburg
seit 1990 Mitbegründung der Künstlerisch- Sozialpädagogischen Initiative Tiflis, Georgien
Lehrtätigkeit an der Kunstakademie und P.H., Tiflis
Vorträge und Malkurse in Israel
1995 Gastdozent für Malerei an der Fachhochschule für Architektur, Hamburg
seit 1995 Regelmäßige Seminare als Fortbildung von Kunsttherapeuten und Sozialtherapeuten in Winterthur, Schweiz
1996 Malunterricht am berufsbegleitenden Seminar für Waldorfpädagogik, Freiburg
1999 Lehrtätigkei in Sao Paulo, Brasilien
2000 Einrichtung eines Seminars für die malerische Fortbildung von Kunsttherapeuten, Freiburg
2005 Ausstellung "Four Ways" mit Rosemarie Dyckerhoff, Walter Sturm, Walter Wohlschlegel (1907 - 1999) im MORAT-INSTITUT FÜR KUNST- UND KUNSTWISSENSCHAFT, Lörracherstr. 31, 79115 Freiburg
seit 1978 Präsentation seines Werkes in zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland

 

Walter Wohlschlegel 1907 - 1999
Nach Walter Sturms Wissen lebte Walter Wohlschlegel nach dem Kriege bis zu seinem Tod in Freiburg. Er lernte ihn im Jahr 1987 nach seiner Ausstellung im Museum für Neue Kunst in Freiburg und ziemlich zeitgleich in einer kleinen Freiburger Galerie anläßlich des Kaufs eines seiner Bilder kennen. In der Zeit bis zu seinem Tod entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, Walter Sturm schätzte ihn und seine Frau als interessante Menschen sehr, von seiner Kunst war er so überzeugt, daß er gemeinsam mit seiner Frau etwa 90 Werke von Walter Wohlschlegel erwarb.
Zum Verständnis, weshalb er gerade Walter Wohlschlegel so schätzte, sei hier die Vernissage-Rede in der kleinen Galerie von einem leider nicht bekannten Verfasser abgedruckt:
"Die Ausstellung dieser Notizen in einer räumlich kleinen Galerie steht wie beiläufig neben der offiziellen Ehrung zu Walter Wohlschlegels 80. Geburtstag im Museum, die vorgestern stattfand. Und doch gehört diese kleine Exposition unverzichtbar zum Gesamteindruck von einem Künstler, der in seiner persönlichen Ausstrahlung viel mehr privat und direkt als öffentlich und vermittelt ist: ein Mann des intimen, engen Kontakts, des Gesprächs, des Erzählens, des Vorweisens, der Freundschaft und der Zuwendung, der Nähe. Im offiziellen Rahmen wirkte er wie sein eigener Zaungast. So stehen wir hier mit gutem Grund dicht gedrängt, als eine Art von Freundschaftsrunde. Und so spricht hier vielleicht auch mit gutem Grund nicht der Fachmann, sondern der Liebhaber, der Erfahrungen mit der Kunst sucht.
Die großen Retrospektiven müssen zuweilen verdecken, daß ein Künstler in die Jahre gekommen ist, wo der Elan, die Arbeitskraft und der Ertrag nachlassen. Davon kann bei Walter Wohlschlegel die Rede nicht sein. Die hier versammelten kleinen Formate - Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Tuschen, Mischtechnik - stammen alle aus den letzten drei Jahren und sind doch nur ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle von Arbeiten, die in dichter Folge entstanden und entstehen. Wer je Walter Wohlschlegel in seinem Atelier besucht hat, ist tief berührt von der Atmosphäre lustvoller Arbeit, die hier herrscht. Vielleicht ist er auch ein bißchen besorgt, daß der Maler sich selber zumalt, immer dichtere Schichten von Bildern und Zeichnungen um sich herumlegt, daß er hinter Jahresringen und Bildern verschwindet. Der Maler malt auf einer immer kleineren Insel, umgeben von den Sedimenten seiner enormen Produktivität. Es ist, als hätten sich seine große Sensivität, seine Erlebniskraft und Vitalität, die ganze Energie und Freude seiner Weltwahrnehmung und seiner Weltspiele in der Kraft und Intensität der künstlerischen Hervorbringung, in der Spitze seines Pinsels, seines Bleistifts, seiner Feder konzentriert und versammelt. Er muß nicht mehr so viel nach draußen gehen, die Pfade können ein wenig zuwachsen. Er hat die Welt in sich, die er arbeitend aus sich herausstellt. "Allah braucht nicht mehr zu schaffen / Wir erschaffen seine Welt", sagt der alte Goethe in seinem "West-östlichen Divan".
Der Titel "Notizen" für diese Ausstellung scheint mir gut gewählt, weil er dem ständigen produktiven Fluß gerecht wird, in dem sich der Künstler Wohlschlegel befindet. Schon angesichts seiner größeren Formate drängt sich der Eindruck auf, daß wichtiger als das Gemälde der malerische Prozeß ist, die endlose Folge der Zeichen- und Formenerfindungen, der Kombinationen und Variationen, angesichts derer das einzelne Bild wie der Einhalt eines Kaleidoskops wirkt, dessen momentane Konstellation alsbald über sich hinausdrängt. So markiert die Notiz die Richtung und die Wendepunkte eines imaginativen und reflexiven Stroms, ohne ihn im ganzen zu fassen. Er darf und muß weiterfluten. "Work in Progress" ist ein Stichwort der Moderne, das auch die sehr eigenständige Modernität dieses alten Mannes trifft. Er wird nicht fertig, weil er nicht fertig werden will. Auch in dieser Hinsicht sind ihm arbeiten und leben nahezu identisch geworden.
"Notizen eines Malers" ist aber auch deshalb ein guter Ausstellungstitel, weil er an Schrift und Schriftzeichen erinnert und diese Reminiszens zugleich dadurch konterkariert, daß das Stichwort Maler an eine Fülle von Gegenständlichkeit, an Materialräusche und Eigenleben der Formen, des Kompositionellen denken läßt. Zwischen diesen Polen, dem völlig von sich wegweisenden Zeichen und der nur sich selbst meinenden Sache, zieht Wohlschlegel seine Bahn. Auf ihre eigene Dignität und Sachhaltigkeit verweisende Zeichen - das charakterisiert genau den Grad der Abstraktion und Konkretion, der Wohlschlegels bildnerische Welt auszeichnet. Wohl gibt es bei ihm den hohen Reiz, der im Spiel mit Proportionen, Formen und Farbe liegen kann, und es wird virtuos beherrscht. Sei die Zeichnung, das Aquarell, die Mischtechnik noch so rasch und mit allem Charme der Spontaneität hingeworfen - sie sitzt mit Präzision genau im Format, alle Verhältnisse stimmen. Wohl gibt es bei Wohlschlegel den akurat eingesetzten Materialreiz - den pastosen Pinselzug, den sanften oder kräftigen aquarellistischen Farbauftrag mit seinem kalkulierten Verfließen ins Transparente, die Bleistiftschraffur und den Glanz des flächigen Graphits, den spröden Federstrich mit Abbrüchen und Aufsplitterungen, alles das in reizvoller Spannung zueinander. Aber immer wieder schlägt, Schwerpunkte schaffend, eine Gegenstandserinnerung durch, zum Zeichen verkürzt wie eine idiographische Schrift, wie eine Schrift in Bildcharakteren.
Das hat wenig mit den an ostasiatischer Kalligraphie und Tuschtechnik geschulten meditativen Bildern von Wohlschlegels früherem Freund Bissier zu tun. Meditative Versenkung scheint mir Wohlschlegels Sache nicht zu sein. Eher der zupackende Ausgriff, die Spur der energischen Bewegung, der inspirierte Einfall, eben das rasche Notat. Zuweilen streift es an die Karikatur an, zuweilen an archetypische Urbilder, die auch bedrohen können, im Glücksfall kommt beides zusammen. Überhaupt: Vereinigung ist das Gesetz dieser Zeichen: das Flüchtige und - wenn es gelingt - das Genaue; das Pointierte und die Andeutung; das Einzigartige und das Typische; die Sinnlichkeit und die Abstraktion. Wohlschlegel ist kein Konkreter, der sich verschämt der Abstraktion annähert, und auch kein Abstrakter, der mit Gegenstandserinnerungen kokettiert. Er befindet sich mit Selbstverständlichkeit von vornherein im Raum der Zeichen, und seine Zeichen sind w e s e n t l i c h der Treffpunkt von Bewegung, Rhythmus, Gegenständlichkeit und Bedeutung: der Punkt, an dem Form, Sinn und Sinnlichkeit ineinander umschlagen: eben Notizen eines Malers.
Im Nachlaßroman "Mr. Noon" von D. H. Lawrence läßt der jugendliche Romanheld seinen Finger über die Baumrinde eines Eichenstammes laufen. Es ist für ihn ein subtiles und exquisites Vergnügen, das in seinen Adern vibriert, den flexiblen und doch übergreifenden Rhythmus in der morphologischen Struktur des Baumes zu realisieren. Es gefällt ihm, der Spur der individuellen Eigenschaften in jedem einzelnen organischen Gebilde zu folgen - Eigenschaften, welche die fixierten Qualitäten von Genus und Spezies überlagern, Eigenschaften, die nicht wirklich abgeleitet werden können aus einem evolutionären Schema von Ursache und Wirkung. Können die individuellen Besonderheiten von einem solchen Schema abgeleitet werden? Die Frage beunruhigt Mr. Noon. Er hat sich schon fast entschieden: Nein!
Die Zeichen eines Malers helfen bei dieser Entscheidung, weil sie das Individuelle, das Einzigartige aufbewahren und ihm zu seinem Recht verhelfen. Jede Handschrift hat ihre unverwechselbaren Eigenheiten, aber wir lesen sie nicht auf den individuellen Duktus hin, sondern auf die normierten Bedeutungen der Schriftzeichen. Nicht der eigentümliche Schwung eines B interessiert, sondern daß es sich um ein B handelt. Doch die Zeichen eines Malers wehren sich gegen solche Lektüre. Sie geben ihren Zusammenhang nur dergestalt frei, daß sie auf ihrer Einzigartigkeit und Einmaligkeit beharren.
Walter Wohlschlegel macht seine Notizen für sich, aber auch für uns. Sie sind Monologe und Einladungen zum Gespräch und zum Mitspielen - eine Schrift, die sich entziffern läßt und doch immer auch sich entziehende Geheimschrift, damit Provokation unserer Einbildungskraft bleibt. Ernste Scherze, um nochmals den alten Goethe zu zitieren. Notieren Sie unermüdlich weiter, lieber Walter Wohlschlegel !"
Der freundschaftliche Kontakt mit Walter Wohlschlegel war ausschlaggebend für Walter Sturms Hinwendung zur Malerei. Walter Wohlschlegels Ausstellung 1987 im Museum für Neue Kunst in Freiburg hat nach vorliegenden Presseausschnitten außer in der "Badische Zeitung" im "Südkurier" (19.6.87 Mahnend mit phantastischen Zeichen), in "Die Welt" (7.7.1987 - Malender Darwin-Fink) und sicher auch in anderen Publikationen Erwähnung gefunden.
Diese Ausführungen mögen als Erklärung genügen, weshalb gerade Walter Wohlschlegel auslösend für Walter Sturms Hinwendung zur Malerei war.
Es scheint, daß Walter Wohlschlegel in Freiburg mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist. So war es Walter Sturm ein ganz großes Bedürfnis, einen Teil der von seiner Frau und ihm erworbenen Werke im MORAT-INSTITUT FÜR KUNST UND KUNST-WISSENSCHAFT, Lörracher Str. 31, 79115 Freiburg, auszustellen.